
Letzte Woche im Coaching. Ein Klient schaut mich an und sagt: "Nächste Woche hab ich mein Gehaltsgespräch. Ein Freund hat mich gefragt, ob ich vorbereitet bin. Und ich wusste nicht, was ich antworten soll. Ja? Nein? Irgendwie beides."
Das kenne ich. Nicht nur von Klienten – auch von mir selbst. Diese Fragen, bei denen weder Ja noch Nein stimmt.

Eine Frage hat mir geholfen, solche Situationen zu sortieren. In diesem Fall wäre es dann solch eine Frage:
"Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo 10 bedeutet, du bist bestens vorbereitet auf das Gespräch, und 1 das Gegenteil – wo stehst du gerade?"
Eine Zahl zwingt dich, Position zu beziehen
Unser Gehirn liebt vage Begriffe. "Ganz gut", "könnte besser sein", "geht so" – das sind Fluchtwege vor der Klarheit.
Eine Zahl ist anders. Wenn du sagst "Ich bin bei einer 5", dann weißt du: Du bist nicht am Boden. Du bist nicht am Ziel. Du bist irgendwo dazwischen – und das ist bereits eine Information.
Was danach kommt, macht den Unterschied
Die Zahl allein bringt wenig. Was die Skalierungsfrage wirklich wertvoll macht, sind die Fragen danach.
"Woran erkennst du, dass du schon bei einer 4 bist – und nicht bei einer 2?"
Diese Frage lenkt den Blick auf das, was bereits funktioniert. Dinge, die gut laufen. Ressourcen, die du vielleicht übersiehst. Die meisten Menschen schauen nur auf die Lücke zur 10 – und vergessen, wie weit sie schon gekommen sind.

"Was wäre anders, wenn du bei einer 6 wärst?"
Nicht bei einer 10. Nur einen kleinen Schritt weiter. Das macht den Unterschied greifbar. Eine 10 fühlt sich oft unerreichbar an. Eine 6? Das ist machbar.
"Was könntest du tun, um einen halben Punkt nach oben zu kommen?"
Hier wird es konkret. Kein großer Plan. Ein halber Punkt. Etwas, das du morgen umsetzen kannst.
So nutzt du die Frage für dich selbst
Du brauchst keinen Coach dafür. Hier ist, wie es geht:
1. Wähle einen konkreten Bereich
Nicht "mein Leben" – das ist zu groß. Sondern: Meine Vorbereitung auf das Gespräch. Meine Energie. Mein Projekt. Ein Bereich.
Falls du nicht weißt, wo du anfangen sollst: Der Lebensbalance-Check führt dich durch 12 Lebensbereiche und zeigt dir, wo du gerade stehst.
2. Setze die Skala
10 = Genau da, wo ich sein will. Nicht perfekt, aber richtig für mich.
1 = Das absolute Gegenteil davon.
3. Gib dir eine Zahl
Nicht zu lange nachdenken. Dein erster Impuls ist meistens richtig.
4. Frag dich: Woran erkennst du, dass du schon bei dieser Zahl bist?
Was funktioniert bereits? Was hält dich auf diesem Level?
5. Frag dich: Was wäre ein halber Punkt höher?
Was wäre anders? Was würdest du tun, fühlen, denken?
Ein Beispiel
Zurück zu meinem Klienten mit dem Gehaltsgespräch.
Ich fragte: "Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo 10 bedeutet, du bist bestens vorbereitet, und 1 das Gegenteil – wo stehst du?"
Er sagte: "Eine 4."
"Woran erkennst du, dass du schon bei einer 4 bist – und nicht bei einer 2?"
Pause. Dann: "Ich weiß, was ich will. Ich kenne meine Erfolge der letzten Monate. Und ich hab schon mal grob recherchiert, was marktüblich ist."
"Was fehlt zur 5?"
"Konkrete Zahlen. Und einen Plan, wie ich das Gespräch eröffne."
Innerhalb von zwei Minuten hatte er mehr Klarheit als in Tagen des Grübelns. Nicht weil ich ihm etwas gesagt hätte. Sondern weil die Frage ihm half, selbst hinzuschauen.
Was mir daran gefällt
Ich nutze diese Frage seit Jahren – im Coaching und für mich selbst. Was mich immer wieder überrascht: Fast niemand sagt "1". Die meisten landen irgendwo bei 3, 4 oder 5 – und merken dann, dass da schon einiges funktioniert, das sie übersehen haben.
Die Skalierungsfrage ist kein Zaubertrick. Sie ist ein Werkzeug für Klarheit. Sie hilft dir, aus dem vagen "irgendwie okay" herauszukommen und zu sehen, wo du wirklich stehst.
Probier es aus: Nimm dir einen Bereich, der dich gerade beschäftigt. Gib dir eine Zahl. Und dann frag dich: Woran erkennst du, dass du schon bei dieser Zahl bist – und was wäre ein halber Punkt höher?
Lass uns sprechen
Falls du merkst, dass du in einem Bereich feststeckst und alleine nicht weiterkommst – manchmal hilft ein Gespräch, um Struktur ins Chaos zu bringen.
