«Ich verstehe es nicht. Ich versuche alles – und fühle mich trotzdem nicht entspannt.» sagte ein Klient, als er mir letzthin gegenübersaß.
Er machte doch alles richtig. Acht Stunden Schlaf, Dehnübungen am Morgen, dreimal die Woche joggen. Seine Freunde nannten ihn den Ruhigsten von allen. Aber innerlich? Angespannt. Nicht ganz überfordert – aber auch nicht wirklich ruhig.
Also tat er noch mehr. Neun Stunden Schlaf. Wochenends bis mittags im Bett. Abends auf die Couch, Netflix, nebenbei durch Instagram scrollen. Die innere Anspannung blieb.
Die Frage im Coaching
«Wie viel Entspannung brauche ich denn eigentlich?» fragte er.
«Was genau entspannt dich denn am Tag?»
«Na ja... ich schlafe neun Stunden. Abends sitze ich auf der Couch, schaue Serien, scrolle ein bisschen...»
«Und fühlst du dich danach entspannt?»
«Nein. Ehrlich gesagt fühle ich mich... leer. Müde. Aber nicht erholt.»
«Was ist für dich eigentlich echte Entspannung?»
Er schwieg. Er wusste es nicht.
Die Überraschung
Ich empfahl ihm einen Podcast und einen Artikel zum Thema. Abends saß er am Schreibtisch, Kopfhörer auf. Eine Stimme erklärte ruhig:
«Viele Menschen verwechseln Schlaf mit Entspannung. Aber Schlaf regeneriert den Körper auf andere Weise. Er entspannt das Nervensystem nicht auf die Art, wie wir es brauchen.»
«Moment», dachte er. «Schlaf ist keine Entspannung?»
Er öffnete den Artikel. Scrollte. «Auch passive Erholung – auf der Couch sitzen, Filme schauen, durch soziale Medien scrollen – ist keine echte Entspannung. Das Nervensystem läuft weiter. Es ruht nicht. Es entspannt nicht.»
Die Erkenntnis traf ihn: «Wenn Schlaf keine Entspannung ist... und die Couch auch nicht... dann habe ich ja gar keine echte Entspannung am Tag.»
Was echte Entspannung ist
Richtige körperliche Entspannung – das tiefe Loslassen, das das Nervensystem wirklich beruhigt – erreicht man nur durch bewusste Entspannungstechniken:
- Progressive Muskelentspannung (PMR)
- Bodyscan
- Autogenes Training
- Fantasiereisen
Techniken, bei denen man bewusst in den Körper hineinspürt. Die Anspannung wahrnimmt. Und dann gezielt loslässt.
Und hier kommt die gute Nachricht: Davon reichen wissenschaftlich 10 bis 15 Minuten am Tag aus.
«Nur 10 Minuten? Und das reicht?»
Ja. Wenn es echte, bewusste Entspannung ist. Ohne Handy, ohne Ablenkung, ohne Ziel. Einfach der Körper, der Atem, die Stille.
Pausen – und ihr Rhythmus
Aber da war noch etwas anderes, das er lernen musste: Pausen.
Ich zeigte ihm einen Rhythmus, der sich bewährt hat:
- 5 Minuten alle 20 Minuten
- 15 Minuten alle 90 Minuten
- 30 Minuten alle 4 Stunden
- 1 Stunde nach 8 Stunden
- Ein halber Tag pro Woche
- Ein ganzer Tag alle zwei Wochen
- Mehrere Tage alle paar Monate
Er lachte ungläubig. «Das ist doch unmöglich. Ich kann nicht alle 20 Minuten pausieren. Ich habe Meetings, Deadlines, Projekte.»
Was eine Pause wirklich bedeutet
«Eine Pause bedeutet: keine Termine. Keine Aufgaben. Nichts, was erledigt werden muss.»
Bei 5 oder 15 Minuten ist das noch einfach – aus dem Fenster schauen, kurz rausgehen, einfach mal nichts tun. Aber bei einem ganzen Tag?
«Ich kann doch nicht einfach den ganzen Tag rumsitzen. Soll ich mir einen Film aussuchen? Spazieren gehen? Wie lange? Ich brauche doch... irgendwas.»
Hier erwähnte ich einen Begriff: atelisch.
Es kommt aus der Sprachwissenschaft. Es beschreibt Tätigkeiten ohne festgelegtes Ende oder Ziel. Dinge, die man einfach so lange macht, wie man möchte – ohne dass etwas fertig werden muss. Spazieren gehen, bis man umkehren will. Malen, ohne ein Bild zu vollenden. Im Garten werkeln. Lesen, bis man keine Lust mehr hat.
«Ah», sagte er langsam. «Also muss ich mir keinen Termin eintragen: ‹Samstag, 14 Uhr, Spaziergang, 45 Minuten.› Ich gehe einfach los... und komme zurück, wann ich zurückkomme.»
Genau. Man fängt einfach an – und hört auf, wenn es sich richtig anfühlt.
Der erste Schritt
Er überlegte. Dann nickte er.
«Okay. Ich mache jeden Morgen nach den Dehnübungen 12 Minuten. Einfach nur dasitzen. Progressive Muskelentspannung oder Bodyscan. Ohne App, ohne Musik. Nur ich.»
Und dann fügte er hinzu: «Und alle zwei Wochen nehme ich mir einen Tag. Keinen einzigen Termin. Kein Plan. Ich mache einfach, was mir gerade in den Sinn kommt. Atelisch.»
Was sich veränderte
Einige Wochen später trafen wir uns wieder. Er sah anders aus. Nicht entspannter im klassischen Sinne. Aber ruhiger. Präsenter.
«Diese 12 Minuten am Morgen – da passiert etwas. Ich spüre, wie mein Körper wirklich loslässt. Am Anfang war es komisch, ich wusste gar nicht, wie angespannt ich bin. Aber jetzt merke ich es früher. Über den Tag bin ich ruhiger.»
«Und diese freien Tage?» Er lächelte. «Die fühlen sich nicht mehr leer an. Letzten Samstag bin ich einfach losgegangen. Ohne Plan. Bin durch den Wald gelaufen, bin irgendwann in ein Café gesessen, habe gelesen. Keine Ahnung wie lange. Und es war... gut. Ich musste nichts.»
Er hatte aufgehört, Entspannung zu jagen. Er ließ sie zu – in kleinen, regelmäßigen Momenten. Die 12 Minuten echte Entspannung beruhigten sein Nervensystem. Die freien Tage gaben ihm Raum zum Atmen. Die atelischen Aktivitäten schenkten ihm Freiheit ohne Planlosigkeit.
Er erkannte: Pause ist kein Zustand, sondern ein Moment. Ein Moment, in dem nichts «muss».