Stell dir vor, du gehst heute Abend schlafen. Und während du schläfst, passiert ein Wunder. Das Problem, das dich gerade beschäftigt, ist gelöst. Einfach so.
Aber weil du geschlafen hast, weißt du nicht, dass es passiert ist.
Woran würdest du morgen früh als Erstes merken, dass das Problem gelöst ist? Was ist anders?
Woher diese Frage kommt
Die Wunderfrage stammt von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg, den Begründern des lösungsfokussierten Coachings. Die Geschichte hinter dem Wort „Wunder": Insoo Kim Berg stellte eine Klientin einmal vor die Frage, was anders wäre, wenn das Problem gelöst wäre. Die Klientin antwortete: „Da müsste schon ein Wunder geschehen." Berg nutzte einfach diese Vorlage – sie fragte einfach weiter: „Nehmen wir an, das Wunder ist passiert. Woran würdest du es merken? Was wäre anders?" Und plötzlich begann die Klientin, die Situation zu beschreiben.
So kam es zu dem Wort „Wunder". Aber du musst es nicht verwenden, wenn es dir zu esoterisch ist. Manche sagen: „Stell dir vor, du wachst in einem Paralleluniversum auf, in dem das Problem nicht mehr da ist." Oder einfach: „Angenommen, über Nacht hat sich etwas verändert." Was zählt, ist der Gedankenraum, der damit geöffnet wird.
Die meisten Menschen, die mit einem Problem zu mir kommen, können sehr genau beschreiben, was nicht funktioniert. Sie kennen jedes Detail. Wenn ich sie dann frage: „Wie sähe es aus, wenn es gelöst wäre?", dann wird es oft still. Nicht, weil sie nicht imstande wären, es zu wissen – sondern weil sie sich selbst oder jemand anderes sie das bisher noch nie gefragt hat. Deshalb brauchen sie etwas Zeit zum Nachdenken. Diese Zeit gebe ich meinen Klienten gerne, denn in dieser kurzen Stille entsteht etwas Neues.
Warum das Wunder funktioniert
Der innere Kritiker sagt auf Fragen oft sofort: „Das geht doch nicht." „Das funktioniert nicht." oder „Das ist unrealistisch."
Wenn ich jedoch die Wunderfrage stelle und dann frage, was anders wäre, öffnet sich eine Möglichkeit des Nachdenkens, ohne dass der Kritiker eingreift. Das Wunder erlaubt es uns, erst einmal nachzudenken. Es ist ja nur ein Gedankenspiel.
Und dann passiert nach etwas Schweigen oft etwas Interessantes: „Hmmm ... also ... vielleicht wäre ich dann ..." Die ersten konkreten Beschreibungen entstehen. Manchmal wird ein Gefühl beschrieben: „Dann wäre ich befreit."
Das liegt auch daran, dass der Solution-Focus-Ansatz Problem und Lösung bewusst voneinander trennt. Die Lösung muss nicht direkt aus dem Problem folgen. Wir springen einfach direkt in den Lösungsraum und schauen, was dort sichtbar wird, wie es sich dort anfühlt und was dort anders gemacht wird.
Die ausformulierte Version (nach Milton H. Erickson)
Milton H. Erickson, ein Hypnotherapeut mit außergewöhnlichem Gespür für Sprache, hat die Frage einmal besonders ausführlich formuliert – um der anderen Person mehr Zeit und Raum zu geben, wirklich in die Situation einzutauchen:
„Stell dir vor, wir reden heute, unser Gespräch endet, und nach 30 Minuten gehst du nach Hause, machst die Dinge, die du normalerweise machst, und gehst ins Bett. In der Nacht, während du schläfst, passiert ein Wunder – und dein Problem ist weg. Einfach so. Morgen früh, wenn du aufwachst, weißt du nicht, dass das Wunder passiert ist. Aber es ist passiert. Was ist das Erste, das du es merkst, das dir sagt, dass das Wunder geschehen ist? Was ist anders?"
Die längere Formulierung gibt dem Kopf mehr Zeit, die Szene zu betreten. Du musst sie nicht auswendig lernen – aber sie zeigt, welche Kraft in der Art des Fragens steckt. Und wie unterschiedlich dieselbe Frage formuliert werden kann und wie unterschiedlich Menschen darauf reagieren.
Die Wunderfrage ist erst der Anfang
Nach der Wunderfrage kann mithilfe von Folgefragen noch tiefer in die Szene eingetaucht werden. Jede Folgefrage dient dazu, die Situation so gut wie möglich vorstellbar zu machen – da das Gehirn keinen Unterschied zwischen Erlebtem und lebhaft Vorgestelltem macht.
Durch gute Fragen, die wie ein Gespräch wirken, entsteht die Szene immer deutlicher. Ein Beispiel: Was würdest du anders tun? Das hilft, sich selbst in der Situation aktiv zu sehen. Es können auch Gefühle einbezogen werden: Wie würdest du dich anders fühlen? Und natürlich auch andere Personen: Wer würde es noch bemerken und was genau? Wie reagieren sie? So öffnet man den Blick für andere Perspektiven, die Umgebung und Interaktionen.
Und dann folgt eine der wirksamsten Fragen überhaupt: Was davon passiert vielleicht schon – zumindest ein bisschen? Das ist der Brückenschlag zur Realität. Oft gibt es bereits kleine Momente, in denen das Wunder ansatzweise geschieht. Wenn man diese erkennt, ist das Wunder auch nicht mehr weit.
Ein Beispiel aus der Praxis
Eine Klientin kam zu mir mit dem Thema: „Ich schaffe es nicht, Grenzen zu setzen."
Ich fragte: „Stell dir vor, heute Nacht passiert ein Wunder. Du wachst morgen auf und kannst plötzlich Grenzen setzen. Woran merkst du das als Erstes?"
Sie überlegte. Dann sagte sie: „Ich würde mich ruhiger fühlen. Weniger gehetzt."
„Woran merkst du das?"
„Ich würde morgens nicht sofort meine Mails checken. Ich würde erst frühstücken."
„Was noch?"
„Ich fühle mich stärker, selbstbewusster."
„Wer würde es noch an dir bemerken und was würde er bemerken?"
„Mein Kollege. Wenn er mich fragt, ob ich eine seiner Aufgaben übernehmen kann, würde ich sagen: Ich schaue, ob ich Zeit habe, und melde mich."
„Wie würde er reagieren?"
„Hmmm ... ja ... eigentlich ganz locker. Er würde sagen: Okay, ich schaue später nochmal vorbei."
Innerhalb von fünf Minuten hatten wir ein konkretes Bild davon, wie „Grenzen setzen" für sie aussieht. Nicht in abstrakter Form – sondern in tatsächlichen Handlungen.
So nutzt du die Wunderfrage selbst
Du brauchst keinen Coach, um diese Frage zu nutzen. Nimm dir einen ruhigen Moment und geh die Schritte durch:
Stell dir vor, du gehst heute Abend schlafen und über Nacht passiert ein Wunder. Das Problem, das dich beschäftigt, ist gelöst. Woran merkst du das morgen früh als Erstes? Was würdest du anders machen? Was würden andere bemerken?
Schreibe 15 Punkte auf.
Und dann: Was davon passiert vielleicht schon manchmal? Wann war es zuletzt so – zumindest ein bisschen?
Schreibe 10 Punkte auf.
Du kannst das gerne selbst ausprobieren. Wenn du es dir einfacher machen willst, dann buch ein Coaching-Gespräch – jemand anderes stellt die Fragen und behält den Prozess im Blick.