Einmal im Jahr, wenn der Schnee gerade schmilzt und die Natur anfängt aufzublühen, bin ich in Österreich in den Bergen. Früh raus, auf den Berg, Soda Zitrone auf der Hütte, nachmittags Pool und Sauna, abends ordentliches Essen. Für mich ist das der ideale Start ins Jahr.

Auf einer dieser Wanderungen ist mir beim Gehen plötzlich eine Erklärung eingefallen, die mir ein Mentor einmal erzählt hat. Sie hat mit Bergen zu tun. Und sie trifft den Unterschied zwischen Coaching und Training ziemlich gut.

Der bekannte Berg – das ist Training

Ich habe selbst eine Trainerausbildung und nutze Training regelmäßig in der agilen Arbeit: neuen Teammitgliedern beibringen, was agiles Arbeiten bedeutet, wie man sich verhält, was die Prinzipien dahinter sind.

Ein guter Trainer – ich empfehle hier gerne Dirk Hannemann, der seit Jahren Train-the-Trainer-Ausbildungen macht und bei dem ich selbst viel gelernt habe – bringt es auf den Punkt: Training ist vom Kennen zum Können. Es geht darum, Wissen in Handlung zu überführen. Auf einem Gebiet, das schon gut durchdrungen ist.

Das ist wie ein Berg, den viele vor dir schon bestiegen haben. Die Route ist bekannt. In schwierigen Passagen sind Steigeisen eingeschlagen, Halteleinen gespannt. Der Trainer kennt den Weg – und kann dir sagen: Hier greif zu, dort setz den Fuß, dann links, dann geradeaus. Schritt für Schritt, sicher nach oben.

Das Ziel steht von Anfang an fest. Der Gipfel ist bekannt und oft bestiegen. Und wer den Weg kennt, kann dich sicher dorthin führen.

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Der unbekannte Berg – das ist Coaching

Beim Coaching ist das anders.

Du willst auf einen Gipfel, den du selbst noch nicht kennst. Und der Coach war auch noch nicht dort. Er hat zwar mit anderen schon andere Berge bestiegen, kennt Techniken und hat Tools dabei – aber dieser Berg hier, deine spezifischen Schluchten, deine Hindernisse, deine Route: die sind neu. Für euch beide.

Deshalb wird der Weg gemeinsam erarbeitet. Manchmal lassen sich Erfahrungen von anderen Bergen übertragen – aber erst nach genauem Hinschauen: Ist das hier wirklich ähnlich? Passt diese Technik auch in dieser Situation? Der Weg muss in der Situation gefunden werden und die Steigeisen müssen selbst eingeschlagen werden.

Und manchmal ist noch nicht einmal klar, welchen Berg du besteigen willst. Es gibt viele Gipfel. Im Coaching gehört es oft dazu, dass zuerst herausgefunden werden muss, wohin du eigentlich willst. Welcher Berg ist dein Berg? Manche wissen das noch gar nicht – aber genau das lässt sich im Coaching herausfinden. Und manchmal ändert sich das Ziel unterwegs, wenn du genauer hinschaust. Auch das ist vollkommen in Ordnung.

Coaching – unbekannter Gipfel, Vom Wollen zum Werden, Coaching beginnt manchmal damit den Berg zu finden

Warum viele Coaching mit Training verwechseln

Das passiert oft – und es ist verständlich. Die meisten Lernerfahrungen, die wir kennen, sind Trainings: Schule, Ausbildung, Webinare, Kurse. Da war immer jemand, der wusste, was am Ende stehen soll. Der uns Tipps gegeben hat, die wir befolgen konnten.

Und auch im englischen Sprachraum hilft die Begrifflichkeit nicht: Der Football-Coach, der Surf-Coach – die bringen einem im Grunde etwas bei. Nach bewährten Methoden, auf einem Weg, den sie schon viele Male gegangen sind.

Das ist gutes Training. Nur eben kein Coaching.

Was du von Coaching erwarten kannst

Du bekommst einen Gesprächspartner, der mit dir gemeinsam schaut – nicht jemanden, der dir die Antworten liefert. Einen, der die Berge kennt, auch wenn er deinen noch nicht betreten hat. Der dir hilft, deine Route zu finden, deine Hindernisse zu benennen und den nächsten Schritt zu klären. Das Ziel kommt von dir – auch wenn du es jetzt noch nicht kennst. Der Weg entsteht im Prozess.

Coaching kann dabei durchaus auch Training-Elemente enthalten. Wenn im Prozess klar wird, dass bestimmte Informationen oder Skills gebraucht werden, teile ich gerne, was ich aus Erfahrungen, Büchern und Gesprächen kenne. Manchmal braucht es gar nicht das ganze Buch – es reicht die eine Kernmethode, die gerade passt.

Und das entsteht im Coaching-Prozess. Nicht davor.

Was ich in vielen Coaching-Gesprächen erlebe: Der schwierigste Moment ist oft nicht der Aufstieg – sondern vorher. Wenn da nur eine diffuse Unruhe ist. Wenn man weiß, dass sich etwas verändern sollte, aber noch nicht weiß, was genau. Wenn klar ist: Ich will irgendwo hin – aber welcher Berg es sein soll, das ist noch offen. Genau dort setzt Coaching an. Du kannst also durchaus zu mir kommen, wenn du noch nicht weißt, was das Ergebnis sein soll. Dafür ist Coaching da.